Aufwachen in Bern

Eines der schönsten Momente im Leben ist das Aufwachen am ersten Tag einer Reise. In einem unbekannten Bett in einem unbekannten Zimmer in einer unbekannten Stadt. Ein wohliges Gefühl, das den ganzen Körper füllen kann und das man einen großen Teil dieses Tages mit sich führen wird. Man ist noch nicht ganz konkret anwesend in dieser neuen Welt, aber man ist schon wohl abgefahren aus dem Alltag des eigenen Lebens. Alles ist bereits neu und darum schon wohl unbekannt, während das Vertraute noch sicher und erreichbar nur einen Reisetag zurück liegt.
Man befindet sich im Vorportal des Fremden, von dem man noch nichts weiß. Die Spannung auf was kommt ist aber schon vorausgegangen und bringt das leichte Prickeln im ganzen Wesen. Alle diese Sachen, die man noch nicht gesehen hat, die man noch nicht kennt oder sogar nur vermutet, sind schon wohl in einer direkten Nähe spürbar; sie fangen an, sich allmählich die eine nach der anderen zu offenbaren. Sie werden uns so gleich für immer verändern. Irgendwo im Laufe dieses Tages wird der Übergangspunkt erreicht, worauf man bedingungslos jemand anders geworden ist, nicht mehr die Person von gestern. Man weiß, dass wenn man wieder nach Hause zurückgekehrt sein wird, Geschichten erzählt werden können.

Bern ist eine Stadt, worin man so aufwachen kann. Solches Aufwachen ist prächtig und vornehm zu erleben. Man soll solche Morgen mit Respekt und Ehrfurcht behandeln, sie bilden schließlich einen großen Teil unserer eigenen persönlichen Evolution. Es ist deshalb empfehlenswert für ein solches Aufwachen ein gutes Hotel zu wählen. Seien Sie einmal nicht sparsam, wenn Sie nach Bern fahren, denn der Blick aus dem Hotelzimmer mit Aussicht auf die Berner Alpen, die in der Ferne im ersten Sonnenlicht des Tages glitzern, verstärkt noch das Erlebnis des sensationellen Sentiments, das zu einem solchen ersten Erwachen gehört.

Hauptstadt
Frag nach der Hauptstadt der Schweiz und die meisten Leute sagen: Zürich? Nein? Genf? Ach, natürlich Bern. Ist das schon seit 1848? Ach so… ja, natürlich.
Bern, so unbekannt und doch so fast vollkommen. Als Altstadt wenigstens. Gelegen auf einer echten Moräne, einer Anhäufung von Bergschutt am Rande oder am Ende eines Gletschers. Die bezaubernde Altstadt ist immer noch da, der Gletscher ist verschwunden. An dessen Stelle gibt es den Fluss die Aare, die der Altstadt an drei Seiten umschließt. Die erodierte Aare und die vorweltliche Moräne zaubern zusammen die nötigen Höhenunterschiede in der Stadt. Das bietet eine Anzahl von prächtigen Brücken mit wunderschönen, sogar spektakulären Panoramen. Es sind echt Orte zu denen man hingeht und um einige Zeit müßig herumzulungern. Das ist übrigens nicht so schwer, denn die Aare strömt schließlich in einer Riesenschlinge um die Altstadt, also fast überall begegnet man dem Fluss wieder. Die Aare kommt als kleiner Bach zuerst aus den Berner Alpen und wird später auf ihrem Weg in den Rhein überfließen. Dann ist sie erst 295 Kilometer Aare gewesen und hat drei Seen hinter sich gelassen: Den Brienzer See, den Thuner See und den Bieler See. Aber ihre ‚finest hour’ ist ihre Umarmung von Bern.
Bern hat nicht die weltliche Grandeur von Genf und ist nicht so großartig wie Zürich. Aber Bern ist einer der herrlichsten Zeugen des mittelalterlichen Städtebaus in Europa und steht auf der Liste des UNESCO-Welterbes.
Damit haben wir zugleich das zweite Argument diese Stadt zu besuchen. Man findet hier eine der längsten überdachten Geschäftsstraßen, auf jeden Fall die längste in Europa: unter sechs Kilometern von Arkaden kann man flanieren und dieses Fußgängerparadies bietet dem Besucher in einem kleinen Gebiet alles was er sucht und schätzt. Buchgeschäfte, mondäne Designshops, authentische Restaurants, traditionelle Bäcker, exklusive Souvenirgeschäfte. Wenn Sie Millionär sind, sollen Sie die Woche vor Weihnachten hierhin kommen, um für jeden, den Sie kennen ein besonderes und geschätztes Geschenk zu finden.

Historisch
Neben diesen Arkaden ist Bern eine Stadt von Fontänen aus der Renaissance, mit Hunderten von farbigen Bildhauerarbeiten auf Giebeln und Straßenecken, mit der spätgotischen Münsterkathedrale, dem stattlichen Parlamentsgebäude, den gut erhalten gebliebenen Giebeln aus Sandstein (datierend nach dem verheerenden Städtebrand des Jahres 1405, wobei die Bauern aus der Umgebung so tatkräftig mitgeholfen haben, dass sie dafür das Recht bekamen, ihre Produkte in der Stadt zu verkaufen) und einer einzigartigen Dächerlandschaft (hervorragende Ränder für den Schnee) bestimmen das Bild von der Stadt Bern. Die Stadt wurde im Jahre 1191 gegründet von Herzog Berthold von Zähringen und der Name der Stadt ist von ‚Bär’ abgeleitet worden. Von Zähringen schoss während einer Jagdpartie einen Bären tot und kam so auf den Namen Bern. Eine merkwürdige Sehenswürdigkeit ist noch immer der Bärengraben oder Bärenzwinger, bei der schönen Nideygbrücke. Seit dem 15. Jahrhundert leben in diesem Bärenzwinger echte Bären (Pyrenäischer brauner Bär), die nun einmal eine wichtige Rolle spielen in der Geschichte der Stadt, wie auch der Bär in dem Wappen auf der Fahne von Bern angibt. Die grüne Umgebung dieses touristischen Bärenzwingers ist vor kurzem erneut entworfen. Auch weiter ist Bern eine Stadt von Superlativen: die schönste Blumenstadt Europas, die Geburtstadt Albert Einsteins (Entdecker der Relativitätstheorie), die Wiege der Toblerone Schokolade und der Standort der größten Paul-Klee-Sammlung in der Welt. Und weil wie gesagt Bern auf einer Halbinsel gebaut wurde, liegt alles hier nah aneinander und ist zu Fuß, mit der Straßenbahn oder mit dem Bus in kürzester Zeit erreichbar. Bis soweit die Reiseprospekte.

Das Bern dieses Morgens, nach dem Wachwerden, geht aber viel weiter. Es erzählt über warme Details, gibt reizende Durchblicke preis und zeigt freundliche Menschen, die überall auf der Straße mit einander Spiele spielen. An 35 Orten in der Stadt, im Park oder nur so in einer Ecke auf der Straße sind verschiedene Schach- und Mühlenspiele angelegt worden und von lebensgroßen Attributen versehen. Überall wird gespielt während die Herbstkälte sich doch schon gut durchsetzt. Das Bild wirkt sehr rührend und unschuldig. Es gibt den Dingen eine Art von Wärme und man versteht sofort warum die verflixten Schweizer als einzige im Stande waren, die Kunst zu entwickeln Schokolade zu veredeln. Um die Milchschokolade zu verfeinern, zu schmücken, mit anderen Geschmacksrichtungen zu kombinieren und über allem nicht in den Fingern aber wohl auf der Zunge schmelzen zu lassen. Höhere Zivilisation, die Namen wie Henri Nestlé, Rodolphe Lindt, Rudolf Sprüngli oder Jean Tobler hervorbrachte. In Bern findet man davon noch Reste. Die Verfeinerung hört man noch in den Stimmen der Kellner, in der Bedienung des Hotelpersonals oder in der Hilfsbereitschaft in den Geschäften. Es ist eine Art von Eleganz in der Umgangsform, die alle Betreffenden auf höhere Ebene bringt.  Bestellt man eine Tasse Kaffee, dann kriegt man als Antwort: Aber selbstverständlich, vielen Dank.
Das Bern dieses Morgens ähnelt vielleicht dem Bern von vor hundert Jahren noch sehr, als am Montag, dem 15. Mai 1905 ein junger Krauskopf durch die Straßen rannte. Es war noch lange nicht 8 Uhr, die Sonne stand noch tief. Albert Einstein will aber seinen Freund und Kollegen treffen, bevor dieser zur Arbeit ist. Er will ihm erzählen, dass er die Lösung für das Problem gefunden hat, das sie gestern Abend besprachen und worüber Einstein die ganze Nacht in seinem Bett nachgedacht hat. Bis die Lösung ihn verhinderte, den Schlaf noch zu fassen. Albert Einstein ist 26 Jahre alt, es ist sein ‚annus mirabilis‘, aber das weiß er in diesem Moment selber noch nicht. Er wird E=m.c² für immer dem menschlichen Vermögen zufügen als die Formulierung, die die Gleichwertigkeit von Materie und Energie beschreibt. Die Welt wird nie wieder die gleiche sein nach diesem Morgen.

Leerer Bundesplatz
In Bern hat das Schweizer Parlament ihren Sitz im Bundeshaus, einem etwas schwermütigen Gebäude, das am Bundesplatz, einem weiten offenen Platz,  gelegen ist. Es ist nicht das Haus mit Hausnummer eins, denn das ist die Nationalbank, an der Ostseite des Platzes gelegen. Bis voriges Jahr ein reger Parkplatz mitten in der Stadt. Aber jetzt ein schöner großer offener Raum in der Stadt geworden, entworfen von Staufenegger+Stutz aus Basel. Es zeugt von Mut, diese Leere in der geschäftigen Kleinstadt zuzulassen, wo jeder Quadratmeter viel Geld eintragen kann. Dieser alte Marktplatz (wo in der Tat noch zweimal pro Woche Markt abgehalten wird) ist beeindruckend karg eingerichtet und gestaltet worden und besteht nur aus einer leicht erhöhten Fläche von 60 zu 30 Metern. Ein Feld aus Natursteinplatten, spiegelsymmetrisch verlegt. Aus diesem edlen Boden springen 26 Springbrunnen auf – einer für jedes Schweizer Kanton – in einem Computer gesteuerten Programm. Dann wieder hoch, dann wieder still, dann wieder heftig. Ein Spielplatz für Kinder in der Sommerwärme, ein Sammelplatz für Schaulustige während des ganzen Jahres. Weil die Springbrunnen sich nur in einer Hälfte des Platzes befinden, bleibt die andere Hälfte immer heiter leer. Die Spiegelungen der Sonne im Wasser oder die Dunkelheit der nassen Steine bleiben an einer Stelle; um dorthin zu laufen. Es vergrößert noch mehr den Raum des Platzes, wodurch ein Wunder von Geräumigkeit zwischen den engen Gassen der Stadt entsteht; auch wohl Freiraum genannt.

Grüne Plattformen
Von einer ganz anderen Schönheit ist die Münsterplattform gelegen an der Südseite der Münsterdomkirche. Diese parkähnliche Terrasse mit französisch anmutender Gestaltung, ist im Jahre 1334 als öffentlicher Raum hoch über der Aare angelegt worden. Die Arbeit hat wohl fast hundert Jahre gedauert, aber hat für eine rührende Schönheit gesorgt und kann ruhig als Balkon der alten Stadt gesehen werden, mit Blick auf die unter liegenden Ziegeldächer des Mattenviertels, die Kieselsteine in dem breiten Flussbett der Aare, die hier eine Kurve macht, oder die dramatische Silhouette der Kirchenfeldbrücke.
In einem Steinwurf vom mondänen Casino und den geschäftigen Einkaufstraßen kann man sich hier ein wenig meditativ auf eine Bank unter den Linden und Kastanien aus dem 18. Jahrhundert setzen. Die Herbstsonne zaubert ein dramatisches Licht auf die Bäume am entgegen gesetzten Ufer.  Das Flair dieses Lustgartens lockt die Stadtbewohner, sich hier einen Moment zu erholen, abzusprechen für ein Ballspiel, einen Kaffee. Es ist ein Spielplatz für Jugendliche, ein Besinnungsplatz für die Älteren, eine Verwunderung für die Touristen. Etwas tiefer liegt der Rosengarten, im Jahre 1900 auf einem alten Friedhof angelegt worden.
Auch hinter dem Parlamentsgebäude liegt eine ähnliche Plattform, die Bundesterrasse, die in den Park Kleine Schanze übergeht. Auch hier wieder das herrliche Panorama über die Aare, die sich um die Stadt  schlängelt und auch hier wieder viel Menschen, die spielen, reden oder nur so auf einer Bank sitzen. Mit auch hier im Park wieder einige riesengroße Schachspiele beweist Bern seine Pioniersposition auf diesem Gebiet. Das ist nicht so wunderlich, denn Bern ist eine grüne Stadt mit 3.819.085 Quadratmetern von sehr versorgtem Grün. Das sind pro Einwohner fast 30 Quadratmeter, ziemlich viel für eine Stadt.

Gegensatz
In der Kunst und Kulturecke springen einige Stellen sofort hervor. Das ehemalige Kornhaus ist zu einem alternativen Kulturpalast umgebaut worden, der als Orientierungspunkt auf Wanderungen benutzt werden kann. Der Kaffee ist dort sehr gut, die Himbeertorte noch besser, die Sabayontorte exzellent und die Chance ein Gespräch zwischen einigen Architekten oder Schauspielern hören zu können ist groß. Daneben liegt das Stadttheater,  gibt es das Kunstmuseum und den Kursaal neben dem Casino. Aber erwähnenswert ist, dass vom 20. Juni 2005 die Stadt über das neue Zentrum Paul Klee verfügt, worin mehr als 4.000 Werke dieses Schweizer Künstlers untergebracht sind. Es ist ein besonderes Gebäude  geworden, mit drei Wellen im Dach,  inspiriert auf die Identität der sich sanft wellenden Linien aus der umringenden Landschaft; eine Ode auf den Poeten der Stille. Hier hat deutlich Renzo Piano das Wort, der italienische Architekt, der verantwortlich ist für den Entwurf. Der Hafen von Genua, Metropolis in Amsterdam, Fondation Beyerler zu Basel, das Centre Pompidou in Paris: es sind nur einige seiner Schöpfungen.
Es ist nicht so schwer in einer Stadt wie Bern dem Wunsch zu entsprechen, den man beim Erwachen noch in Aussicht hat und es ist eine merkwürdige Erfahrung, dass ein so großer Gegensatz im Laufe des Tages verwirklicht worden ist. Dadurch, dass man ins Unbekannte dieser neuen Welt eingedrungen ist, hat man sich selbst (wieder) ein wenig besser kennen gelernt und ist man dem Kern des Eigenen näher gekommen.

Michel Lafaille
Übersetzung: Wim Branderhorst

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